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Während das traditionelle bürgerliche Kunstverständnis den Künstler als isoliertes Genie begreift, das eine einzigartige Wahrnehmung der Welt vermittelt, um mit den jeweils für sich stehenden Betrachter:innen in Austausch zu treten, ist Kunst in Wahrheit und unausweichlich eine soziale Praxis, die tief in historische, materielle und kollektive Zusammenhänge eingebettet ist. Kunst ist zwangsläufig gemeinschaftlich, da sie die Anwesenheit anderer Menschen voraussetzt und auf sie angewiesen ist. Ich glaube, dass die Wurzeln der Kunst in menschlichen Praktiken wie Gebet und Tanz, in Ritualen und Zusammenkünften liegen. Man denke etwa an die Höhlenmalereien des Jungpaläolithikums von Lascaux, die tief im Inneren dunkler, unterirdischer Räume entstanden. Wie aus anthropologischer und kunsthistorischer Forschung hervorgeht, waren diese Höhlenmalereien eng mit rituellen Handlungen, Magie und sakralen Zusammenkünften verbunden. Es waren Räume, in denen Bild, Bewegung, Klang und gemeinschaftliche Intention ineinandergriffen.

Ein solches, in Relationalität begründetes rituelles Verständnis von Kunst findet eine Parallele im Werk des deutschen Künstlers Benedikt Hipp. Aufgewachsen in einem traditionellen handwerklichen Umfeld, in dem Votivgaben aus Wachs hergestellt wurden, nimmt Hipps Arbeit ihren Ausgangspunkt häufig in rituellen und sakralen Handlungen sowie in Prozessen materieller Transformation. Seine Malereien und keramischen Arbeiten erinnern unmittelbar an prähistorische, sakrale Orte, an denen Körperteile und organische Formen miteinander verschmelzen. Open Cluster greift die Choreografie allen Lebens auf und überführt sie, um Jean-Luc Nancy (2000) zu zitieren, in eine Erzählung des „Singulär-Pluralen“. Indem Hipp auf hölzernen Bildträgern eine Choreografie inszeniert, in der Körperteile, organische Materialien und architektonische Fragmente ineinander übergehen, löst er die westliche Illusion des in sich geschlossenen Individuums auf. Für Nancy ist das „Singuläre“ niemals isoliert; es existiert vielmehr nur in seiner Ausgesetztheit gegenüber dem „Pluralen“. Hipp macht dieses „Mit-sein“ sichtbar, indem er den menschlichen Körper in eine gemeinsam geteilte, kosmische Landschaft überführt. Fragmente können dabei zugleich als Ganze fungieren, während sich durch Hipps Koordinaten die Grenzen zwischen dem Selbst und der Welt auflösen. Wie eine Konstellation von Sternen, die aus derselben molekularen Wolke hervorgegangen sind – jeder einzelne ein einzigartiger Himmelskörper und zugleich durch seinen gemeinsamen Ursprung gravitativ und historisch mit den anderen verbunden –, verweist auch Hipps Konstellation aus Körperteilen, organischer Materie und architektonischen Fragmenten auf einen gemeinsamen Ursprung. Die einzelnen Fragmente erscheinen als eigenständige Einheiten, existieren jedoch nur in ihrer dynamischen Verbundenheit mit dem Ganzen.

Die neu entstandene Serie von Tafelbildern, darunter Open the Door and Close the Window, Molekülwolke und You Wake Up and You Know Where You’re Going To, eröffnet einen neuen Zugang zum Verständnis von Hipps Œuvre. Indem architektonische Strukturen in strengen Schwarz-Weiß-Rastern dargestellt werden, schlagen diese Arbeiten eine Brücke zwischen den ausgreifenden Gesten des Abstrakten Expressionismus und einer gegenläufigen, von einer düsteren Atmosphäre geprägten Stimmung einer unsichtbaren Situation der Ungewissheit. Die Kompositionen verbinden rigide geometrische Linien mit subtilen surrealistischen Untertönen und versetzen die Betrachter:innen in eine gedämpfte Landschaft des Zwielichts – ein allgegenwärtiges crepuscolo, das diese architektonischen Räume ihrer unmittelbaren zeitlichen Verankerung entzieht. Die monochromen Gerüste fungieren wie Skelettstrukturen, die den chaotischen räumlichen Feldern Ordnung auferlegen, während die atmosphärische Schwere konkrete Formen in psychische Räume verwandelt und die Grenze zwischen physischer Struktur und Erinnerung verwischt. Diese ästhetische Verdunkelung dient als Vehikel für eine conceptio post-factum – eine Konzeptualisierung, die erst im Nachgang eines Ereignisses einsetzt. Der Künstler versucht weder, den historischen Moment im Augenblick seines Geschehens vorwegzunehmen, noch sich unmittelbar an ihm zu beteiligen. Vielmehr findet der schöpferische Akt erst dann statt, wenn der historische Prozess und seine zeitliche Spanne bereits zu einem Ende gekommen sind.

Diese rückblickende Haltung verweist unmittelbar auf Georg Wilhelm Friedrich Hegels berühmte philosophische Metapher aus den *Grundlinien der Philosophie des Rechts* (1821):

„Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“

So wie die Philosophie, Hegels Überlegungen zufolge, erst dann zu Erkenntnis gelangt, wenn eine Lebensform alt geworden ist, operieren auch diese Tafelbilder in der metaphorischen Dämmerung der Zeit. Die Schwarz-Weiß-Raster zeigen die verdichteten konzeptuellen Überreste einer gelebten Umgebung und bilden zugleich einen Hintergrund, vor dem sich neue organische Formen als metaphysische Formen materialisieren.

In Impaktit und ION interpretiert Hipp die monumentale, rätselhafte Präsenz der Komposition neu und erinnert dabei an Giorgio de Chiricos entfremdete, metaphysische Mannequins. Diese menschlichen Büsten verschmelzen organisch mit den strengen schwarz-weißen Architekturoberflächen und verweisen auf die Dimension des „Singulär-Pluralen“ der Existenz: Alles ist gleichermaßen aus dem Inneren kollabierender Sterne hervorgegangen, wie es Hipps meteoritenartige Keramikskulptur nahelegt. Aus Erde und wildem Ton geformt und über mehrere Tage im Holzfeuer gebrannt, liegt die keramische Arbeit wie ein uralter, auf die Erde gefallener Himmelskörper im Galerieraum. Ihre narbige, organisch anmutende Oberfläche erinnert gleichermaßen an prähistorische rituelle Relikte wie an extraterrestrische Materie und verankert die abstrakte kosmische Metapher in einer physischen Präsenz. Diese keramische Form dringt anschließend unmittelbar in die zweidimensionale Ebene von Giant Molecular Cloud ein, wo ein gemaltes Fragment ebenjenes Meteoriten schwebend über dem Bildraum erscheint. Der Meteorit lässt sich als Zeichen einer übergeordneten kosmischen Verbundenheit verstehen, die im evokativen Begriff Ba-en-pet ihren Ausdruck findet. Als altägyptische Bezeichnung für „Eisen oder Stein vom Himmel“ beziehungsweise für das „Metall des Himmels“ und den „Meteor“ fungiert Ba-en-pet als Brücke zwischen terrestrischer und kosmischer Materie: Zunächst entzündet er sich in der Luft – metéōros, woraus sich der Begriff „Meteor“ ableitet – und erscheint als Lichtspur, bevor er schließlich auf die Erde stürzt und mit ihr verschmilzt. In Hipps Inszenierung werden die hölzernen Bildträger zum Ort dieser kosmischen Landung. Die organischen und architektonischen Fragmente funktionieren wie meteoritische Überreste: fremdartige und zugleich uralte Materie, die die flache Oberfläche des Gewöhnlichen durchbricht und die Unterscheidung zwischen dem „Oben“ – dem Idealen, Himmlischen, Kosmischen – und dem „Unten“ – dem Irdischen, Körperlichen, Physischen – auflöst.

Die Kritikerin Jill Johnston schrieb einmal:

„relating is connecting conveying transmitting conducting moving bearing relaying etc and that’s what we’re doing all the time. re- is an inseparable particle which means again. back. anew. against.“

Ihre Worte erscheinen mir besonders treffend, wenn es darum geht, Hipps Kunst und seine Weltanschauung vorzustellen. In Hipps symbolischer Sprache ist Kunst genau dieser fortwährende Akt des Übermittelns: ein andauerndes Ritual, das das individuelle Fragment mit dem kollektiven Ganzen und das Alltägliche mit den äußersten Sphären des Himmels verbindet.

Ilaria Sponda



In seiner künstlerischen Praxis vereint Benedikt Hipp zahlreiche Medien, darunter Keramik, Malerei und Video. Aufgewachsen in einem traditionsreichen Handwerksbetrieb für Votivgaben aus Wachs, gehörten seriell gefertigte Darstellungen von Körperteilen zu Hipps familiärem Alltag. Schon früh setzte er sich auch selbst mit dem menschlichen Körper auseinander. Bis heute erforscht er den Körper als Fragment, hybrides Wesen, emergentes System und als Ort kultischen und gesellschaftlichen Handelns. Im Zentrum steht dabei die Frage nach der Wahrnehmung und Veränderung des menschlichen Körpers, seine Verletzlichkeit und Vergänglichkeit. Die neue Monografie „Songs From The Orbs“ präsentiert Ausstellungen und Werke der letzten Jahre mit einem besonderen Fokus auf die Keramik, die Hipp in seinen beiden selbstgebauten Hochtemperatur-Holzbrandöfen herstellt. Der Buchtitel ist der multimedialen keramischen Installation (2021–2025) entliehen, die 2025 auf der Triennale Kleinplastik Fellbach zu sehen war.

Benedikt Hipp (*1977 München) lebt und arbeitet in Finning. Seit 2007 waren seine Arbeiten in zahlreichen nationalen und internationalen Gruppen- und Einzelausstellungen zu sehen (u. a. Emil Schumacher Museum Hagen, Triennale Kleinplastik Fellbach, Haus der Kunst München, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Palazzo delle Esposizioni Rom, Schirn Kunsthalle Frankfurt, CAPC Bordeaux, Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen, Kunstpalais Erlangen, Zeppelin Museum Friedrichshafen).

2020/2021 war Hipp Rompreisträger und Stipendiat der Deutschen Akademie Villa Massimo in Rom. Dort realisierte er Permakultur-Projekte, die sich der Steigerung der Biodiversität im Park der Villa Massimo widmeten.








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