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Kim-Camille Kreuz 
One Second Longer
27 März  – 2 Mai, 2026

OPENING  26 May | 6–9pm

One Second Longer – eine Sekunde länger verweilen, um flüchtige Wahrnehmungen festzuhalten und den umherschweifenden Blick zu fassen: In ihrer ersten Einzelausstellung bei nouveaux deuxdeux untersucht Kim-Camille Kreuz, wie Fotografie als indexikalisches Medium Augenblicke des Sehens festhält und formt.

Ein Bus, ein Fenster, eine begrenzte Zeitspanne – und darin ein unerschöpfliches Reservoir an Möglichkeiten. Die Serie I can’t tell you right now folgt einer einfachen Regel: dieselbe Busstrecke wird über einen längeren Zeitraum täglich zurückgelegt; pro Fahrt entsteht genau eine Fotografie. Wie in den sprachlichen Stilübungen von Raymond Queneau, in denen eine beiläufige Begegnung im Bus immer wieder neu in variierenden Formen erzählt wird, verändert sich auch hier das Verhältnis von Konstanz und Variation: Der gleichbleibende Rahmen – Strecke, Dauer, Ausgangssituation – bildet die Grundlage, auf der Differenz sichtbar wird. Doch während bei Queneau die Textform immer wieder verändert wird, verlagert sich die Variation in Kreuz’ Arbeit in den Akt des Sehens selbst. Jede Aufnahme markiert eine Entscheidung innerhalb eines begrenzten Zeitfensters: Der Blick wählt, rahmt, schließt aus. Aufmerksamkeit erscheint nicht als gegebene Qualität, sondern als situativer, regelgeleiteter Prozess. Die Materialität der Arbeiten führt diesen Gedanken fort: Gerahmt und auf Glas gedruckt erfährt die ursprünglich schwarz-weiß-angelegte Fotografie eine subtile tonale Transformation, die die Verortung des Bildes innerhalb der Rahmung für die Betrachtenden im Unklaren lässt. Wie verändert sich das Sehen, wenn die Fotografie zwischen Hintergrund und Oberfläche in der Durchsicht zu schweben scheint? So präsentiert I can’t tell you right now eine präzise Untersuchung von Wahrnehmung unter Bedingungen der Wiederholung und Verschiebung.

In der Werkreihe The grass is always greener on the other side richtet sich der Fokus von der Variation des Blicks hin zu den Bedingungen des Sichtbaren selbst. Das fotografische Bild dient nun dem Rahmen, der nicht länger neutrales Beiwerk ist, sondern eigenständige Struktur. In der Überlagerung von Originalrahmen, fotografischer Reproduktion, materieller Spur und aufgefalteter Verpackung wiederholt er sich selbst. Der Rahmen rahmt nicht nur – er zeigt, dass er rahmt. So entsteht eine Schwelle, die weniger trennt, als sie in Szene setzt. Sie verweist auf ein Dahinter, das nicht zugänglich ist, aber gerade dadurch präsent wird. Sichtbarkeit ist hier keine Offenlegung, sondern ein Spiel von Zeigen und Verbergen. Geschlossene Fensterläden in der Fotografie setzen diese Logik fort: Sie verschließen den Blick und richten ihn zugleich auf das, was entzogen bleibt. Was sichtbar wird, ist nicht der Raum dahinter, sondern die Tatsache, dass er verborgen bleibt.

Während der UV-Druck auf Glas in Serien wie I can’t tell you right now bereits dazu führt, dass sich Bild und Objekt nicht mehr klar voneinander trennen lassen, rückt das Material in der neuesten Werkserie selbst ins Zentrum: The best part you missed basiert auf einer Sammlung von Glasfragmenten aus dem Alltag. Die Fotografien isolieren die über einen bestimmten Zeitraum gesammelten Fundstücke als Bruchstücke, entziehen sie ihrem ursprünglichen Kontext und zeigen Splitter, Risslinien und Kanten, deren frühere Funktion nicht mehr bestimmbar ist. Nicht das Ereignis des Zerbrechens wird festgehalten, sondern seine materielle Folge. Im seriellen Arrangement erscheinen die fotografierten Glasfragmente als individuelle Einzelstücke und zugleich als Teil einer wiederholten Struktur. Transparenzen, Überlagerungen und Bruchlinien gliedern die Bildfläche und erzeugen schattierte Binnenformen, die an Zeichenstudien erinnern. Mit dem Druck der fotografierten Glasfragmente auf die unversehrte Glasfläche tritt das Motiv doppelt auf und macht die materielle Zerbrechlichkeit sichtbar.

Vielleicht liegt in dieser einen, verlängerten Sekunde des Hinschauens weniger das Festhalten des Gesehenen als vielmehr ein Entdecken des Unscheinbaren. Zugleich entsteht die Erfahrung, dass Sichtbarkeit stets im Übergang entsteht und sich genau dort auch wieder entzieht. Bereits frühere Serien wie Beziehungsgeflechte und surrounded by permeable dimensions verhandeln ähnliche Spannungsfelder zwischen Form, Variation, Raum und Durchlässigkeit. Auch sie zeigen, wie Beziehungen zwischen Objekten und dem Blick verschoben und reflektiert werden. Im Zusammenspiel der Ausstellung verdichten sich diese vielen einzelnen Beobachtungen, aus dem Sehen wird Sprechen: immer gleich, immer anders, immer jetzt – und gleich schon nicht mehr.

Text von Leonie Rösler & Marlene Sichelschmidt
                                         





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