Paola Siri Renard
Double Star
15 May – 04 July, 2026
OPENING 15 May | 5–9 pm Paola Siri Renard entwickelt eine Skulpturensprache, die aus architektonischen Ornamenten, Reiterdenkmälern, industriellen Displaysystemen, Membranen, Glocken und skelettartigen Formen besteht – Elementen, die sie aus historischen Strukturen herauslöst und zu instabilen Konstellationen neu zusammensetzt.
Ihre Praxis beginnt mit einer Recherche architektonischer Sprachen, von gotischen und gregorianischen Formen bis hin zum Jugendstil – jedoch nicht mit dem Ziel ihrer Rekonstruktion, sondern um Details zu isolieren, die sichtbar machen, wie sich Machtgeschichten in materielle Oberflächen einschreiben. Ornament ist in ihrem Werk niemals bloß dekorativ, sondern vielmehr ein Beweis.
Für ihre Ausstellung führt Siri Renard ihre Untersuchung von Monumenten und der politischen Symbolik des Pferdes fort. Öffentliche Reiterdenkmäler fungierten historisch als Instrumente der Machtdarstellung. Sie verherrlichten militärische Autorität, koloniale Eroberung und heroische Männlichkeit und verankerten diese Narrative im urbanen Raum. Gleichzeitig nimmt das Pferd innerhalb dieser Strukturen eine ambivalente Rolle ein: Es ist zugleich Emblem von Macht und unterdrückter Körper, Vehikel der Kontrolle und lebendiges Instrument von Arbeit, Krieg und Ausbeutung.
Anstatt die monumentale Figur als Ganzes darzustellen, entfernt die Künstlerin den Reiter und fragmentiert das Pferd. Sie zerlegt das Monument von unten, isoliert dessen Beine und legt ihre inneren Anatomien frei. Knochen, Membranen und organische Strukturen treten unter metallischen Oberflächen hervor, als befänden sich die Skulpturen in einem Zustand der Mutation. Sieben aus Aluminium gegossene Skulpturen, abgeleitet von vorbereitenden Modellen, oszillieren zwischen Archiv und Präparat. Einzeln im Raum verteilt bilden diese Elemente eine fiktive Konstellation. Jedes Bein ist in zwei unterschiedliche Seiten geteilt – die eine überzeichnet und muskulös, die andere architektonisch und ornamental, wodurch ein spiegelbildlicher Effekt entsteht. Der Schnitt erzeugt einen reflektierenden Zwischenraum, aus dem eine zweite Identität hervorgeht. Die Arbeiten deuten darauf hin, dass unter der Oberfläche etwas weiterwächst: eine latente Gewalt, eingeschrieben in Architektur, Monumente und das historische Gedächtnis selbst.
Die Auseinandersetzung der Künstlerin mit dem Jugendstil und der Kolonialgeschichte ist teilweise von den Schriften der Kunsthistorikerin Debora Silverman geprägt, deren Forschung zeigt, wie pflanzliche und ornamentale Motive in der Architektur des Fin de Siècle mit kolonialer Expansion und der Zirkulation exotisierter Formen verflochten waren. Renard führt diese Lesart in die Gegenwart fort und versteht Architektur als einen lebendigen politischen Körper, der Herrschaftssysteme in seine dekorative Haut aufnimmt. In ihren Skulpturen werden architektonische Formen porös, instabil und körperlich.
Die zentrale Installation in der Ausstellung bildet den Höhepunkt dieser Recherche. Konzipiert als neu zusammengesetzter Körper, der Details aus den sieben vorhergehenden Modellen vereint, ist die Skulptur in zwölf Elemente fragmentiert, die kreisförmig angeordnet sind und zyklische Zeit sowie Umlaufbewegungen evozieren. Aufgehängt an modularen Edelstahlstrukturen, die an Aufhängungen in Schlachthöfen erinnern, können die Fragmente entweder zu einer erkennbaren Figur zusammengesetzt oder im Raum verteilt werden. So bewegen sie sich zwischen Figuration und Abstraktion. In Anlehnung an das Motiv eines Reißverschlusses erscheinen die Strukturen als provisorische und Übergangszustände.
Der Titel Double Star verweist auf das astronomische Phänomen zweier Himmelskörper, die um ein gemeinsames Zentrum kreisen. Renard nutzt diese Idee als Metapher für Geschichte und Wahrnehmung:
Bedeutungen verändern sich je nach Perspektive, Distanz und Position. Was aus einem Blickwinkel stabil oder kohärent erscheint, kann aus einem anderen heraus zerfallen.
Dieses unsichtbare Zentrum erinnert an den abwesenden Kern, um den herum Erzählungen konstruiert werden. Der Stern fungiert als ferner Orientierungspunkt – ähnlich wie Monumente –, durch den kollektiver Glaube verstreute Erscheinungen zu strukturierten Fiktionen verbindet. Double Star inszeniert somit fragmentierte Systeme, in denen Bedeutung aus den Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Elementen entsteht.
Im gesamten Ausstellungsraum erzeugen Glocken, skelettartige Formen und membranartige Oberflächen Assoziationen zu Kontrolle, Arbeit und lebendigen Körpern. Architektur und Anatomie spiegeln einander wider, während die Skulpturen zwischen Monument und Zerfall, Organismus und Maschine schweben. Abgetrennte Gliedmaßen lassen eine partielle, post-identitäre Figur entstehen, die zugleich unsichtbar und präsent bleibt. Paola Siri Renard denkt Monumente letztlich nicht als starre Symbole von Autorität, sondern als verletzliche und sich ständig wandelnde Formen, in denen Geschichte weiterlebt und sich fortwährend verändert.
– Dr. Luisa Seipp
Paola Siri Renards (*1993, Paris, Frankreich) künstlerische Praxis untersucht westliche Architektur, natürliche Prozesse und kollektive Vorstellungswelten. Durch die Aneignung vorherrschender architektonischer Archive und Verteidigungsnarrative erforschen ihre Skulpturen im Übergangszustand Metamorphosen sowie Körper, die zerfallen und sich zu fiktionalen Konstellationen verwandeln. Ihre Installationen gestaltet sie als Dispositive der Verschiebung zwischen Jahrhunderten, zwischen Welten und deren Mythen. Renards handmodellierte Arbeiten hinterfragen den Umgang mit kulturellem Erbe, dessen Verbreitung sowie die ausschließenden Grundlagen spezifischer Identitäten – im Echo der Geschichte ihres martiniquischen und schwedischen Erbes.
Paola Siri Renard studierte an der Tokyo University of the Arts (2016) und absolvierte die École des Beaux-Arts de Paris (2017) in der Klasse von Ann Veronica Janssens. Anschließend setzte sie ihr Studium an der Kunstakademie Düsseldorf (2019–2021) in den Klassen von Gregor Schneider, Rita McBride und Koenraad Dedobbeleer fort. Renard war Residentin am HISK (2022–2023) und wurde für das Residenzprogramm von WIELS (2024) in Brüssel ausgewählt. Sie wurde für die Bourse Révélations Emerige 2022 (Paris, FR) sowie den Fintro Prize 2024 (Brüssel, BE) nominiert und erhielt einen Auftrag von Publiek Park 2023 (Antwerpen, BE).
Zu ihren Einzelausstellungen und Performances zählen Parade (romero paprocki, Paris, FR), Im Kabinett der Kunsthalle Recklinghausen (Kunsthalle Recklinghausen, DE), (dazzling) garderobe (Het Paviljoen, Gent, BE), Subcutanean Ghosts (Dash, Kortrijk, BE), -what will you be then Oneiroi? -glamour (De Appel, Amsterdam, NL) sowie Armour Leftovers (RAVI: Résidences-Ateliers Vivegnis International, Lüttich, BE). Ihre Arbeiten wurden außerdem in Gruppenausstellungen unter anderem im Salon de Montrouge (Paris, FR), im Kunstverein Ludwigshafen, der Fondation Fiminco, dem Krone Couronne – Contemporary Art Center, bei Martins & Montero, dem Institut Français, Art Biesenthal sowie der La Maréchalerie – Centre d’art contemporain gezeigt.