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Steffen Jopp
CUTIS
11 July – 22 August, 2026

OPENING  10 July | 6–9 pm


Hautstück, Ohne Spiegel leben, Dekompression, Regeneration, Kompensation, anthropomorphe Stahlblechformen, der MRT-Scan einer Hand – schon ein erster Blick auf die Werkliste und ein schneller Gang durch Steffen Jopps Ausstellung Cutis machen deutlich, dass der menschliche Körper und insbesondere die Haut eine zentrale Rolle in seinem künstlerischen Werk spielen.

Cutis (lateinisch für „Haut“) ist der medizinische und biologische Fachbegriff für die Haut als äußeres Organ bei Mensch und Tier. Als größtes Organ des menschlichen Körpers ist sie Schutzschild unseres Inneren und sensibler Weltempfänger: Sie schützt uns vor der Außenwelt und verbindet uns mit ihr. Über sie erfahren wir Berührung, Wärme, Kälte und Schmerz; zugleich werden auf ihr unsere Gefühle sichtbar – wir erröten, erbleichen oder schwitzen. Als sichtbare Hülle des Körpers prägt sie zudem, wie wir wahrgenommen, erkannt und gesellschaftlich eingeordnet werden.

Gerade diese Doppelfunktion der Haut als Grenze und Kontaktfläche zwischen dem Inneren des Menschen und der äußeren Welt interessiert Steffen Jopp in seiner künstlerischen Auseinandersetzung. In einer Gegenwart, in der Wirklichkeitserfahrung und Identitätsbildung zunehmend von sozialen Medien, algorithmischen Systemen und künstlicher Intelligenz geprägt werden, erhält diese Schnittstelle eine neue Bedeutung.

Nicht auf den ersten Blick erkennbar, ist in Hautstück ein Teil der eigenen Körperoberfläche abgebildet. Durch die extreme Vergrößerung eines Teils der Brust erscheinen Haare als organische Linienverläufe. Das Abbild von Jopps Haut wird dadurch seiner ursprünglichen Lesbarkeit entzogen. Zugleich wird es als vertikal in die Höhe ragender Leuchtkasten demonstrativ zur Schau gestellt. Weitere Teile seines Körpers sind in Ohne Spiegel leben verarbeitet. Farbinvertierte Transferdrucke der nackten Arme und Beine bilden überlebensgroß und verdreht angeordnet mit dem Bild des Tores einer Grabstätte eine umgedrehte Kreuzigungsszene. Der Körper erscheint dabei nicht als realistisches Selbstporträt, sondern als transformiertes Bild, das zwischen persönlicher Spur, symbolischer Aufladung und einer an einen Avatar erinnernden Figur oszilliert. Die sakral anmutende Bildsprache löst die Darstellung von einer eindeutigen Identität und eröffnet den Blick auf unterschiedliche mögliche Erscheinungsformen des Selbst.

Der Werktitel Ohne Spiegel leben gibt an dieser Stelle bereits den entscheidenden Hinweis zu den theoretischen Gedanken hinter Jopps Beschäftigung mit dem menschlichen Körper. Der vom Medienwissenschaftler Manfred Faßler herausgegebene Sammelband Ohne Spiegel leben fragte angesichts einer zunehmend von digitalen Medien und technischen Bildwelten geprägten Gesellschaft schon Jahre vor der Omnipräsenz von Social Media und generativer KI nach den veränderten Bedingungen von Sichtbarkeit, Körperlichkeit und Identitätsbildung. Im Kern steht dabei die Frage, was aus dem Menschen wird, wenn Identität nicht mehr primär aus sozialer Spiegelung zwischen Menschen entsteht, sondern aus technischen, digitalen und algorithmisch gesteuerten Rückkopplungssystemen.


Vor diesem Hintergrund lassen sich auch die anthropomorphen Stahlblechformen von Dekompression, Regeneration und Kompensation lesen. Die an Visiere, Masken und Schilde erinnernden Werke gehören zu einer sich seit drei Jahren fortentwickelnden Reihe von Objekten, die den Körper vom Außen abschirmen. Als zusätzliche Schicht legen sie sich über den Körper, verbergen ihn und machen ihn zugleich auf neue Weise präsent. Dadurch lassen sie sich auch als Metaphern für jene Oberflächen verstehen, über die Identität vermittelt, geschützt und inszeniert wird. Einerseits erscheinen sie hochglänzend, elegant gemustert und groß genug, um vollständig hinter ihnen in Deckung zu gehen. Andererseits sind sie von äußeren Einwirkungen gezeichnet und teilweise nur so groß, dass sie gerade das Wesentliche – das Gesicht – verdecken. Zwischen Schutz und Sichtbarkeit erinnern sie schließlich an jene Masken, mit denen sich Menschen auch in digitalen Öffentlichkeiten zeigen, verbergen und immer wieder neu entwerfen. Passend dazu verweisen die drei Werktitel auf Prozesse der Entlastung, Regeneration und Kompensation und damit auf Formen von Anpassung, in denen Stabilität nicht vorausgesetzt, sondern immer wieder hergestellt werden muss.


Gut im kontrastarmen Raster des Bildprogramms von Regeneration und Kompensation verborgen, sind MRT-Scans von Hand und Kopf des Künstlers verarbeitet. Deutlich klarer tritt das Bild der Hand hinter Hautstück hervor, wo es die gesamte Wand ausfüllt. Der so eröffnete Blick ins Innere des Körpers umgeht die schützenden und zugleich verstellenden Oberflächen, über die Menschen sich im Alltag begegnen. Er entzieht sich den gewohnten Formen der Selbstinszenierung und macht eine Körperebene sichtbar, die dem alltäglichen Blick verborgen bleibt.


Der Körper erscheint in Cutis nicht als geschlossene Einheit, sondern als ein System von Grenzflächen und Vermittlungsebenen. Der von Faßler häufig gebrauchte Begriff des Interface bildet dabei einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis der Ausstellung: Jopp bezeichnet auch seine auf MDF aufgebrachten Stahlmasken als Interfaces. Als Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Ebenen bilden sie ein durchgängiges Prinzip in Cutis und in Jopps Werk insgesamt. Die verschiedenen Ebenen unserer Wahrnehmung, die im alltäglichen Leben kaum noch aufzutrennen sind, werden hier fein säuberlich in Schichten zerlegt und deutlich erkennbar nebeneinander und übereinander angeordnet. Sie erhalten eine materielle Präsenz, die Jopps Nachdenken über unser Sein in immer neuen Konstellationen in den Raum bringt und für Betrachter*innen erfahrbar macht.


Als eine Art Schlussstein der Ausstellung kann der zylindrisch nach außen gewölbte Körper aus Stahlblech mit den abgespreizten Metallstreben an den Seiten verstanden werden. Er trägt den beschreibenden Titel „Satellit“. Auf seine Oberfläche sind Fotografien der Hände des Künstlers gedruckt, die vor einem Fenster in Richtung des strahlenden Mondes deuten und sehnsüchtig nach ihm greifen. Anders als in den umliegenden Arbeiten geht es hier nicht mehr nur um den Menschen und seine Hüllen und Masken, sondern auch um das Außen des erfahrbaren Universums. Paradoxerweise richtet sich der Blick hier vom Satelliten aus in den Himmel – nicht umgekehrt aus dem All auf die Erde. Wird bedacht, dass Jopp neben den offensichtlicheren Bildern seines Körpers etwa in den feinen Gravierungen seiner Stahlobjekte gerne auch kleine Zeichnungen seiner Gesichtszüge versteckt, könnte hinter Satellit ein besonders prägnantes Künstlerporträt vermutet werden: der Künstler als Sender und Empfänger.

–Text von Sebastian Peter

                             

Steffen Jopp (*1991 in Iserlohn) lebt und arbeitet in Düsseldorf. Von 2015 bis 2022 studierte er Freie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf bei Gregor Schneider, wo er 2022 sein Diplom abschloss und anschließend Meisterschüler in dessen Klasse wurde.

Jopp erhielt mehrere Auszeichnungen und Förderungen, darunter das Hogan Lovells Stipendium (2017), ein DAAD-Reisestipendium an das College for Music and Arts in Montepulciano, Italien (2018), sowie eine Artist-in-Residence-Position bei Cano-Lasso Architects in Los Angeles (2024).

Seine Arbeiten wurden in Einzel- und Gruppenausstellungen unter anderem bei Tom Reichstein Contemporary, Hamburg; Mouches Volantes, Köln; im Bilker Bunker, Düsseldorf; beim salondergegenwart, Hamburg; bei The Space, Hamburg; sowie im Sanshang Museum of Contemporary Art, Hangzhou, gezeigt.





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